
Michael Stoeber, Kestnergesellschaft Hannover – Katalog "Skulpturen",
1999
Plastische Partituren - Zum Werk von Barbara
Deutschmann
Barbara Deutschmanns erste Plastiken aus den achtziger Jahren zeigen den
Menschen. Figürlich und unvermittelt, auf das Wesentliche eines Typus,
ja eines Archetypus reduziert ohne schnörkelhafte Individualisierung.
Köpfe und Torsi direkt an die Wand gebracht. Darstellungen der Nacktheit,
der Wehrlosigkeit, der Unbehaustheit. Verdichtete Emotion. In einem zweiten
Schritt erhalten diese Plastiken vom Menschen ihren eigenen Hintergrund,
eine zweite Wand vor der Wand, ein architektonisches Versatzstück.
Als sei Martin Heideggers Erkenntnis mit ins Werk gezogen, daß der
Mensch erst dort zum Menschen wird, wo er sich anbaut.
In einem weiteren Schritt nimmt die Künstlerin - zunehmend gebannt
- diese Architekturen in den Blick. Sie gibt die direkte Repräsentation
des Menschen auf. Der Hintergrund avanciert zum Vordergrund und wird zum
eigentlichen Thema ihrer Kunst. Mit der Veränderung der Perspektive
vollzieht sich auch ein Wechsel des künstlerischen Paradigmas. Barbara
Deutschmann arbeitet von Stund an abstrakt und verwirft die Sichtweise
ihres Bremer Professors Bernd Altenstein. Die Liquidierung der Mimesis
ist radikal. Die neu entstehenden, konstruktiv gestimmten Wand- und Bodenplastiken
werden beherrscht von einer Strategie der Auflösung und Neuzusammensetzung.
Auflösung durch Schnitte und Eingriffe ins Material, Neuformierung
durch kompositorische und stoffliche Allianzen. Die Bildhauerin schneidet
den Stein zu Quadern und Würfeln, zu Rhomben und Winkeln, Kreisen
und Kreissegmenten. Sie arbeitet mit Beton und Sandstein, Marmor und Granit,
Wachs und Gießharz, Eisen und Pigment. Die unterschiedlichen Formen
und Materialien stellt sie in- und gegeneinander. Fläche und Raum,
Farbe und Materialität, Leere und Fülle fügen sich zu kontrastreichen
und spannungsvollen Strukturen. Das transparente Gießharz schließt
Farben und Formen ein, die wie aus einer fernen Zeit an die Oberfläche
der Plastik treiben, nicht unähnlich den archaischen Lebewesen, die
der Bernstein manchmal gefangen hält.
Ob Barbara Deutschmann eine Form aus Holz baut, Beton einstampft und Kunststoff
gießt, ob sie einen Stein schneidet, fräst, ausweidet und mit
flüssigem Wachs füllt, ob sie hinter dem hellen Vorhang des
Polyesters oder dem trüben Schleier des Paraffins
entschlossene Pigmentspuren zieht oder eher die Nuancen nur eines Farbtones
differenziert moduliert, ob ihre Plastiken ein- oder mehrteilig sind,
ob sie als gegliedertes Ensemble auftreten oder als kompaktes und geschlossenes
Ganzes, ob sie sich als runde, rechtwinkelige, quadratische oder irreguläre
Form zeigen, immer ist der Gestus dieser Arbeiten rhythmisch, ihr Habitus
belebt und ihr Animus belebend.
Der Ursprung dieser Werke aus dem Geist der Musik scheint unverkennbar.
Man denkt an die Erinnerungen von Kandinsky und die Geburtsstunde der
Abstraktion. War es nicht der Besuch eines Schönberg-Konzertes, der
den Künstler zu seinen ersten abstrakten Etüden angeregt hatte?
War nicht die Aufgabe des Dreiklanges durch den Komponisten entscheidender
Grund für Kandinsky, um den Gegenstand in der bildenden Kunst aufzugeben?
Barbara Deutschmanns Arbeiten wirken wie die Notationen einer Partitur.
Was auf mimetische Weise unmöglich zu lesen ist, erschließt
sich mühelos als skulpturale Musik und als plastischer Rhythmus.
Nicht zuletzt die Leerstellen zwischen den gestalteten Elementen wirken
wie die notwendigen und sinngebenden Pausen innerhalb einer musikalischen
Sequenz.
In Gestus des Musikalischen, aber auch des Kompositorischen und der Materialallianz,
finden die Arbeiten der Künstlerin zum Menschen zurück. Nicht
nur weil sie in ihrer abstrakten Musikalität ganz wie die Musik selbst
auf die Phantasie und die Emotionen des Menschen einwirken. Sondern als
Gleichnis der conditio humana. Die Disposition des Formenvokabulars, die
Opposition von Positiv und Negativ, Ruhe und Bewegung, Teil und Ganzem,
von Raum und Fläche, Transparenz und Trübheit, Licht und Dunkel,
drängen in den Werken von Barbara Deutschmann zum Ausgleich und zur
Harmonie.
Und dennoch bleiben die Gegensätze sichtbar erhalten. Die Sehnsucht
nach Auflösung und Verschmelzung ist immer spürbar da, aber
hart im Raum steht gegen jedes Desiderat die Realität des Faktischen.
So sind die Arbeiten Echo einer Sehnsucht und Widerhall des Wirklichen
zugleich. Ambivalenzen, Gegensätze und Paradoxien spiegeln sich im
Werk der Künstlerin wie in der Brust des Menschen. Aber im Werk formieren
sie sich zum Reigen; sind sie domestiziert durch die Kraft des Ästhetischen.